Der Bürger in der Demokratie
Demokratische Ordnungen sind maßgeblich durch die in ihr lebenden Bürger geprägt. Als Quelle, Träger und Adressat verbindlicher Regelungen kommt der Rolle des Staatsbürgersin Demokratien – noch vor verregelten Strukturen und institutionalisierten Verfahrensweisen –daher eine zentraleBedeutung zu.
Die Vorstellungen jedoch, wie sich diese Rolle konkret gestaltet, wie das Verhältnis von Bürger und Demokratie zu organisieren ist und welche Voraussetzungen damit assoziiert werden, sindäußerst unterschiedlich. Idealtypisch lassen sich das Leitbilddes politisch aktiven, fähigen und mündig partizipierenden Citoyen in der Tradition desbürgerschaftlichen Republikanismus einerseits und das Modell eines mit individuellen Abwehrrechten ausgestatteten, eigennutzmotivierten homo oeconomicusandererseits unterscheiden.
Die politische Realität zeigt sich dagegen jedoch weitaus unübersichtlicher: Tiefgreifende und vielschichtige politische, soziale und wirtschaftliche Veränderungen zeitigen eine Dynamik, die sich unverkennbar auf den Staatsbürger als solchen auswirkt. Durch nationalstaatliche Erosionsprozesse, ökonomisch dominierte Globalisierungstendenzen und zunehmende Migration ist der Bürger der Gegenwart mit einer Vielfalt sich stetig wandelnder Anforderungen, Probleme und zuweilen geradezu konträren Appellenkonfrontiert.
Dies wirft die Frage auf, wie sich die Rolle des Staatsbürgers in ihrer Komplexität heute erfassen lässt und welche Konsequenzen sich für die Demokratie ergeben. Werden demokratische Ordnungen künftig allein vom Wirtschaftsbürger getragen? Ist das republikanische Leitbild des guten Bürgers antiquiert? Oder stehen Phänomene wie diedes ‚Wutbürgers‘ oder des Kosmopolitenin ihrer jeweils spezifischen Erscheinungsform gar für eine Renaissance des Citoyen? Und wielässt sich trotz zunehmender Heterogenität, UnverbindlichkeitundDesintegrationDemokratie gemeinsam gestalten, wie geteilteSichtweisen, Einstellungen und Interessen herstellen, artikulieren und umsetzen? Welcher Form staatbürgerlichen Ethos‘ und gemeinsinniger Orientierungen bedarf es in der Gegenwart überhaupt (noch)?
Diese und andere Fragen stehen im Zentrum des diesjährigen Sommerkurses‚Politische Theorie‘, in dessen Rahmen dienormativen Implikationen,die ambivalenten Entwicklungen und nicht zuletzt die prospektiven Optionen von Staatsbürgerschaft diskutiert und in politiktheoretischer, sozialphiloso¬phischer, soziohistorischer und juridischer Perspektive beleuchtet werden sollen.